Was für ein Zirkus, welch eine Show! Das Musical Evita von Andrew Lloyd Webber boomt in Bonn!

THEATER BONN: EVITA
Das Jesus Christ Superstar – Motiv tönt sofort im Kopf, wenn der Name Lloyd Webber fällt. Sein Musical Evita ist dennoch ein noch größerer Welterfolg geworden. Don’t cry for me Argentina, wer kennt nicht diesen Hit? Bei diesen beiden Musicals war Textdichter Tom Rice ein kongenialer Mitstreiter. Aber der Kunstgriff, Che Guevara als Conferencier in dieser Glanz-Show einzsetzen, das irritiert doch sehr. Zumindest den- oder diejenige, die in Buenos Aires oder Havanna mitbekommen hat, wie der Revolutionsheld dort verehrt wird.
(Sabine Weber)

(6. Juni 2017, Theater Bonn) Immerhin hat der englische Musicalfürst Lloyd Webber nach dem kühnen Griff zur Bibel 1971 für Evita 1978 noch einmal zu einem gehaltvollen historischen Stoff nicht ohne Brisanz gegriffen. Großbritannien und Argentinien, keine fünf Jahre später bricht der Falklandkrieg aus. Doch Webber hat keine politische Großlage im Visier. Die Darstellung eines Stars reizte ihn. Die legendäre Evita Duarte. Die Königin der Herzen Argentiniens, die mit ihrer Popularität Juan Perón zur Macht verhilft, und angeblich über ihn Argentinien auch regiert hat. Ohne politisches Mandat ausgestattet fliegt sie nach Europa und wird dort wie der Schah von Persien empfangen. Eine unheilbare Krebs-Erkrankung holt sie mit 33 Jahren von der großen Bühne. Alles großes Kino! Ihr Aufstieg und ihr Fall lässt sich glanzvoll inszenieren, auf einer Bühne auf der Bühne, wo sie die argentinische Flagge schwenkt oder vorm Mikrofon die Massen begeistert. Selbstverständlich gibt es in Bonn eine Showtreppe, wo ihr der rote Teppich ausgerollt wird. Von wo sie heruntersteigt, als würde sie aus dem Flieger steigen. Und eine Kombo rechts und links unter Lichterbogen. Wobei der Sound vielleicht am meisten gewöhnungsbedürftig ist. Das „reduzierte Orchester“ besteht nur aus einigen Holz- und Blechbläsern, elektrischen Gitarren und viel Keyboard. Streicher hört man lediglich gesampelt. Auch wenn die Songs und Hits prima rollen, Rührung und Mythos sich prima durchdringen, an den Dauerverstärkten Klang muss man sich gewöhnen. Che Guevara als Conferencier, der sich zwar mal bissig ironisch zu Wort meldet, gleich zu Anfang sogar, und auch ein paar Mal eins auf die Mütze bekommt, ist ein unverzeihlicher Kunstgriff von oberster Stelle. Dieser Guerillamythos hat in dieser Art von Entertainment nichts, aber auch gar nichts verloren. Alles Widersprüche, verstörend gerade deshalb, weil alles so glamourös abläuft. Kritik bleibt Show, wird zur Show ist die Show, die unentwegt zündet und Fähnchen schwenkt. Jede Episode auf Evitas noch so steinigem Lebensweg fügt sich prima zur Show. Und diese Chance wird in Bonn glänzend genutzt. Wenn sich Evita beispielsweise durch das Rotlichtmilieu die Karriereleiter nach oben schläft,THEATER BONN: EVITA gibt es natürlich Tangomusik und Tanzeinlagen. Das ist etwas für Tango-Fans! Und die Generäle spielen die Reise nach Jerusalem, das scheint in diesem Musical an einer Stelle ein üblicher Regietrick. Die Rolle der Evita ist Bettina Mönch auf den Leib geschrieben. Die Sängerin gilt ja schon seit einiger Zeit als die Nachfolgerin Ute Lempers im Musical-Business. Ihre Show füllt jedenfalls das Bonner Theater auch noch am Ende dieser Spielzeit. Mit diesem Musical ist es eröffnet worden. Und alle spielen großartig engagiert, David Jakobs als Ché oder Mark Weigel als Perón, um nur zwei zu nennen. Der Boom ist nicht unverdient! Und das tragische Schicksal von Evita Duarte Perón, die so hoch steigt und so steil und plötzlich fällt, berührt in der Tat. Don’t cry for me Argentina – ihr Begräbnissong, klingt noch lange nach.

Tristan und Isolde von Richard Wagner – die letzte Vorstellung im Theater im Revier in Gelsenkirchen mit Wonnen voller Tücken!

Sternenlicht in der Liebesnacht mit steinernem Vollmond Foto: Forster

Sternenlicht in der Liebesnacht mit steinernem Vollmond Foto: Forster


Von der ersten Minute an ein ewiges und mörderisches „zu spät“! Zu spät gewusst, zu spät geliebt, zu spät für die Rettung! Dreieinhalb Stunden braucht es dennoch für den finalen Liebestod. Seit dem Tod des Uraufführungs-Tristan Ludwig Schnorr von Carolsfeld unmittelbar nach der Münchener Aufführung gilt die Partie des Tristan auch noch als mörderisch. Aber im Ruhrgebiet gibt es eine bewährte Wagner-Connection. Der Bayreuth-erfahrene Wagner-Tenor Torsten Kerl aus Gelsenkirchen durch- und überlebt das Mörderische souverän und läuft für das Theater im Revier ein letztes Mal in dieser Spielzeit zu großer Form auf. Yamina Maamar, aus den vergangenen Spielzeiten eine hier bekannte Stimme, ist eine stimmlich ebenbürtige Isolde.
(Sabine Weber)

(4. Juni, Theater im Revier) Am Ende wird gejubelt. An diesem Pfingstsonntag, der nach den Hitzetagen etwas Abkühlung gebracht hat. Zwar weniger im Theaterinneren. Aber das hält niemanden zurück. Johlen für das Protagonistenpaar, die Brangäne-Darstellerin Almuth Herbst, und den eingesprungenen Sangmin Lee als Kurwenal, der mit einer profund lautstark wohltönenden Baritonstimme sehr beeindruckt hat. Als Generalmusikdirektor Rasmus Baumann aus dem Orchestergraben auf die Bühne gelaufen kommt, stehen einige in den ersten Reihen auf und erhöhen die Klatschfrequenz. Auch wenn die Neue Philharmonie Westfalen im Vorspiel nach den ersten Tristanakkorden etwas Mühe hatte, in Schwung zu kommen. Danach präsentiert sie einen formidablen Wagnersound – „Klang gewordener Orgasmus“, so hat Dieter Schnebel in seinem Hörprotokoll von 1971 von der Tristanmusik geschwärmt. Hier ist sie in ausgespielten Bögen zu erleben, die auch kammermusikalischen Momenten den Raum öffnen. Streichersoli in der orgiastischen Liebesnachtmusik. Einsame Englischhornweisen im letzten. Musikalisch ist das ein wunderbarer Saison-Abschluss. Freilich hätte die Regie (Intendant Michael Schulz) den trotzigen Helden im ersten Akt etwas günstiger in Szene setzten können. Da steht Tristan steif im blauen Trenshcoat. (Kostüme: Renée Liesterdal) Wie ein muffiger Kommissär die Hände tief in die Taschen gedrückt. In dieser unbeholfen wirkenden Haltung läuft er auch zum ersten Gespräch zu seine Herrin auf. Die beleibte Körpferfülle durch flaches Hinlegen neben Isolde an der Bühnenrampe auszustellen mag bedingt angehen. Ist ja der Rausch einer gerade verköstigten Droge, dem das Paar sich wie Hippies hingibt. Aber die Liebesnacht mit eben diesem abtörnenden Trenshcoat am Leib, während Isolde im seidigen Nachmantel die Nacht der Liebe herbeisehnt? Der zweite Akt ist dennoch die stärkste Regieleistung! Im rotierenden Liebeslabyrinth der Bühnenbildnerin Kathrin-Susan Brose verirren sich die Berauschten im Sternenlicht um einen steinernen Mond, treffen auf ihre Kinder oder sich als Kinder, wie auf glückliche Visionen der Vergangenheit oder der Zukunft. Ihre Leidenschaft ist musikalisch mit dem Liebestodzitat musikalisch verzahnt. Durch ein kopulierendes Paar im Guckkasten wird sie leibhaftig, und plötzlich landen Tristan und Isolde von Freund Melot verraten zum Verhör bei König Marke. Das ist alles stringent verzahnt.
Das Ende der Liebesnacht beim Verhör von König Marke

Das Ende der Liebesnacht beim Verhör von König Marke


Der letzte Akt dann ist ein einziges schwarz-weiß. Wobei ein dreigeteilter schwarzer Vorhang immer wieder Ausschnitte verschiebt. Ein Sehen wollen, aber vergeblich Schauen. „Sehnsucht-Not“, schreit der tödlich verletzte Tristan ja auch. Und „Alle tot!“ König Marke, der zu spät vom verköstigten Liebestrank erfahren hat, und zu spät in Kerneol, dem Rückzugsort Tristans ankommt, um den Helden zu begnadigen und die Liebenden zusammenzuführen. Trotz eines fehlenden und auf eine Aussage hin angelegten Regiekonzepts, vielleicht daher auch die irritierend heterogenen Bühnebilder, ist dieser letzte Tristan im Revier gut erzählt und insgesamt ein Glücksfall. Die Wagner-Fan-Gemeinde zieht jedenfalls beglückt von dannen. Eine hartnäckige Gruppe lauert im Foyer den Protagonisten Torsten Kerl und Yamina Maamar für ein Autogramm auf. Mit Blick auf die wunderbar blauleuchtenden Schwamm- und Reliefbilder mit leichter Staubpatina von Yves Klein, die jeden Aufenthalt im Theater im Revier krönen.

Pop, Wissenschaft, Musiktheater! Philip Glass, Einstein on the Beach als futuristische Lichtshow an der Dortmunder Oper!

Andreas Beck, ChorWerk Ruhr, Raafat Daboul als Hirn Foto: ©Thomas Jauk

Andreas Beck, ChorWerk Ruhr, Raafat Daboul als Hirn
Foto: ©Thomas Jauk


Andy Warhol hat seinen Einstein. Philip Glass hat auch seit 1976 seinen Einstein. Zusammen mit Robert Wilson, der die Texte zu ihrem gemeinsamen Theaterprojekt Einstein on the Beach zusammengestellt hat. Einstein redet nicht, Einstein geigt, was das Zeugs hält! In Dortmund wurden die viereinhalb Stunden Dauer auf dreieinhalb gekürzt. Gefehlt hat nichts, außer den Loungesesseln, in die man sich bei den im Raum schwebenden tranceartigen Dauer-Patterns hätte zurückfallen lassen können und die Bedienung. Guten Flug wünscht uns das Dortmunder Opernteam auch per Anzeige. Der Trip mit Farben, Bilder und dMusik ist jedenfalls hinreißend. Richtig 70er Jahre Pop!
(Sabine Weber)

(23. April, Oper Dortmund) Die Dortmunder Oper mit ihrem grell orangefarbenen Spintbereich und dem dunkelbraunen Barbereich liefert schon im off-Bereich ein perfektes Ambiente. Elektronische Brummtöne dröhnen schon kurz vor Beginn aus dem Dortmunder Theaterinneren dorthin. Philip Glass’ Superformel aus den Tönen a-g-c ruft! Schön minimalistisch. Schön lang gezogenen Töne. Formeln müssen ja nicht per se so kompliziert sein wie die von Albert Einstein. Im letzten Teil füllen Zahlen-Buchstaben-Symbole-Ketten die Übertitelzeile. e =mc2 geht ja noch! Die kann mir mein Sitznachbar sofort erklären. Das ist die Voraussetzung für die Nutzung der Kernenergie. Atomic Power! Wahrscheinlich hat das auch den Kick geliefert. Phil Glass zähmt Superformelhirn mit Minimalmusic! Zusätzlich zum Geiger in weißer Perücke und Schnurrbart auf der Bühne sitzen noch vier „Einsteins“ – mit weiße Perücke und in weißem Kittel – im Orchestergraben vor acht Bildschirmen. Sie sorgen für die Lichtpower, eine gewaltige psychedelic Lichtshow. Auf dem Bildschirm hinter der Bühne pulsieren gleich zu Anfang Lichter. Und immer im Puls der Musik. Die Musiker sitzen wie eine Kombo davor. Perlonschnüre im quadratischen Bündel sind die einzigen Unterteilungselemente, die sich von der Seite nach vorne zusammen und wieder auseinander schieben. Sie bieten zusätzlich Projektionsflächen für visuellen Effekt, die die Bühne zu einem fantastischen Lichtraum machen (Bühne: Pia Maria Mackert). Zwei Schauspielerinnen in Zwangsjacke auf Plateauschuhen (hervorragend Bettina Lieder, die sich nicht aus der Ruhe bringen lässt) rezitieren Zahlenkolonnen und irgendwelche belanglosen Wortfetzen. Der Erzähler im Der-junge-Lord oder Toni-Erdmann-Affenkostüm, Andreas Beck, bekommt noch einen grotesken Wissenschaftsbericht aus Samuel Becketts Warten auf Godot aufgebrummt. In deutscher Sprache. Einfall von Schauspielintendant Kay Voges, der inszeniert. „Man weiß nicht, warum?“, ist ein häufig darin vorkommender Satz und passt zum Stück! Im guten Sinne! Der Chor ist der musikalische Star des Abends. Die 12 Sängerinnen und Sänger vom Chorwerk Ruhr zunächst in weißen Kitteln und mit weißer, aber nicht wie Einstein frisierten, Perücken zählen singend im Takt der Musik, one-two-three-four, two-three-four, dann plötzlich bis sieben… stolpern über keine Patternverschiebung, schaffen ihre redundanten Sprech-Gesangsformeln auf „La-li-lo“, auch wenn sie sich später als Matrix-Hominiden über und über verkabelt über die Bühne oder als behaart rosa-himmelblaue Plumpaquatsche durch den Raum bewegen. Alles ist Dreiklang, aber vertrackt versetzt! Für Chorleiter Florian Helgath ist es wahrscheinlich das höchste der Gefühle, so ein Spektakel zu leiten! Seit 2011 ist er künstlerischer Chef vom Chorwerk Ruhr und findet zeitgenössische Musik wichtig. Diese Aufführung gelingt ihm hervorragend.
Ist das jetzt Oper? Schon bemerkenswert, dass wir 2017 den Opernpionier Claudio Monteverdi feiern, der vor 450 Jahren geboren wurde und die Oper mit den Parametern einer geschlossenen Handlungsdramaturgie und den affektiven, das Wort zum Ausdruck bringenden Sologesang geboren hat. Was für ein Kontrast bereits letzte Woche mit Chaya Czernowins Uraufführung von Infinite Now in Gent. Die israelisch-amerikanische Komponistin, die am IRCAM unterrichtet, arbeitet zwar mit Geräusch-Elektronik verzichtet aber komplett auf Handlung. Philip Glass, der in diesem Januar übrigens auch ein Jubiläum, seinen 80. Geburtstag gefeiert hat, verzichtet in Einstein on the Beach ebenfalls auf Handlung. Aber es gibt drei Gesangsolisten. Hasti Molavian hat die größte und auch die größte Mühe mit dem redundanten Parlando. Die Texte von Christopher Knowles, einem Autisten, den Robert Wilson sicherlich zu Kunstzwecken betreut hat, einem kurzen witzigen Text über Badekappen von Lucinda Childs und Textpassagen von Samuel Johnson… alles nicht zu verstehen. „Houston, can you hear me?“ Die Regie greift immer wieder Wörter auf. Farben zum Beispiel, die Leo Navratil in Schizophrenie und Sprache von 1966 beschreibt. Dieser Text ist auch ein Regieeinfall. Sie führen zu einer gigantischen Kleider-in-Luftstrom-Choreographie in rauschenden Farben. „Who is Einstein? I don’t know“… Doch, das ist der Geiger! Egal, die minimalistischen Klangwuchten, die Supershow, die mit ausdrücklicher Aufforderung auch verlassen werden darf, um eine Erfrischung zu nehmen, ist wie ein großartiger Rausch. Diesen spacy Trip sollte sich keiner entgehen lassen. Diese, jawohl „Oper“! ist ein Kult! Und das versteht man nur, wenn man sie so wie in Dortmund erlebt.

Ganz großes Kino! Lydia Steier inszeniert für die Oper Köln Giacomo Puccinis Turandot und landet einen Coup!

Turandot, Catherine Foster, stellt die Rätsel und Martin Muehle, Calaf, hört zu!  Foto: Bernd Uhlig

Turandot, Catherine Foster, stellt die Rätsel und Martin Muehle, Calaf, hört zu!
Foto: Bernd Uhlig


Am Ende poppt natürlich die Frage auf! Puccini hat seine letzte Oper Turandot ja nicht vollendet. Und die Finallösung von Franco Alfani lässt die Liebe in einem Schlusschor pompös siegen. Wie den plötzlichen Wandel der Männerhassenden Turandot in eine sich der Liebe unterwerfenden zahmen Gefährtin verkaufen? Er ist so unglaubwürdig, wie nur Kino sein kann. Wenn sich Calaf und Turandot im Kölner Staatenhaus küssen und umarmen, leuchten die Kinoletter orange grell über der Szene. Und während eine geläuterte Turandot im Marlene Dietrich-Outfit sich dem Volk zuwendet und Glückwünsche entgegen nimmt, unterschreibt Calaf sein nächstes Filmengagement.
(Sabine Weber)

(02. April, Staatenhaus/Oper Köln) PE-KI-NO. Kino! Passt doch zur Musik! Lydia Steiers Puccini-Kino-Idee ist nicht neu. Aber wie sie die Widersprüche dieser bösen Frauenmär auflöst, hat Klasse. Die pompösen und manchmal unerträglich larmoyanten orchestralen Großangriffe Puccinis bringt sie in ein flamboyant fließendes und wenn nötig auch groteskes Ganzes. Das kongeniale Bühnenbild-Duo fettFilm, mit Videokünstler Momme Hinrichs und Torge Møller, hat dazu mächtige Eisenträger in Hüfthöhe über die Breite der Bühne verlegt. Sie sind eine Absperrung, in die der „Popolo Pekino“, das chinesische Volk, bei der ersten Kundgebung hinein gepfercht wird. Sie sind dann aber auch die Schienen, über die die Palastfassade von links nach rechts wie im Filmstudio ins Bild fährt. Mitsamt zwei Sklaven, die wie Conan der Barbar an einem Bewegungsmechanismus oder Folterrad drehen. Hier wird etwas bewegt. Schön und grausam. Ein knallrot goldenes
Mädchen und Knaben des Kölner Domchores. Foto: Bernd Uhlig

Mädchen und Knaben des Kölner Domchores.
Foto: Bernd Uhlig

Drachenboot fährt die Kinder des Kölner Domchores wie chinesische Tempelpriesterinnen en miniature hinein. Sie liefern den prinzlichen Todeskandidaten aus. Eine Drehscheibe am Boden fährt den Versager durch einen der beiden Eingänge rechts und links eines rätselhaften Palast-Tores zum Kopf-ab ins Dunkel. Wie im (japanischen) No-Theater maskierte Samurai fesseln ihn aber vorher noch an ein Gerüst und schneiden ihm die Finger hinter seinem Rücken ab. Völlig in Trance reagiert er nicht. Den Schmerz spürt nur der Zuschauer, der imaginiert. Grausamkeit und Bombast unterhalten in dieser Puccini-Show. Wenn das Gürzenich-Orchester hinter der Szene über die Bühne hinweg das Publikum bombardiert, mit in der Tiefe schnarrenden Kontrafagotten und Cimbassi, den Kontrabass-Ventilposaunen, die Verdi ins Opernorchester eingeführt hat, dann rottet sich der Chor zu einer gefährlichen oder lustbegierigen Masse zusammen. Mythenhafte Sinnhaftigkeit in Turandots Männerhass heraus zu stellen, darauf verzichtet Steier. Dafür nimmt sie willkürliche Gewalttätigkeit der Herrschenden aufs Korn, die foltern, Finger und Hände abschneiden. Aber ebenso den rasenden Liebhaber, der Vater und die ihn liebende Liù opfert, um nach dem Verbotenen zu greifen. Mit grotesken Bildern löst Steier die Schockstarre immer wieder auf. Ping, Pang, Pong, mit jeweils anders geformten Langnasen, werden als Popanze auf riesigen
Ping, Pang, Pong warnen Calaf, Martin Muehle. Foto: Bernd Uhlig

Ping, Pang, Pong warnen Calaf, Martin Muehle.
Foto: Bernd Uhlig

Rollgestellen von goldenen Muskelboys bewegt. “Turandot existiert nicht!” Warnen sie Calaf zu. Alles wie ein fürchterlicher Traum? Oder Kino. Mit einer Turandot als pinkes Hollywood-Bonbon oder als Stilikone Dietrich. Eine großartige Opernshow jedenfalls, die von der ersten bis letzten Minute packt. Ein Lachen geht durchs Publikum, als Calaf die eiskalte Folter-Turandot plötzlich mit “Blume” anhimmelt. Der unvermeidliche unheilbare Bruch im Stück. Aber wen kümmert’s bei diesen Sängern! Catherine Foster, seit ihrem Debüt 2013 die Walküre von Bayreuth, stellt ihr Organ gewaltmächtig in den Dienst der rätselhaften Turandot, und tut, was sie muss. Sie übertönt alle! Nessun dorma von Martin Muehle ist natürlich das Highlight des Abends. Eine einfühlsamere und authentischere Liù als die der (sic!) jungen chinesischen Sopranistin Guanqun Yu ist gar nicht
Catherine Foster als Turandot lässt sich nicht von Liù, Guanqun Yu , erweichen. Foto: Bernd Uhlig

Catherine Foster als Turandot lässt sich nicht von Liù, Guanqun Yu , erweichen.
Foto: Bernd Uhlig

vorstellbar. Wolfgang Stefan Schwaiger, seit diesem Jahr im Kölner Ensemble, sticht als Ping noch vor den ebenfalls überzeugenden Kollegen John Heuzenroeder als Pang und Martin Koch, Pong, hervor. Chinesisch-japanisch-asiatisches Flair in den Kostüme von Ursula Kudrna krönen das Märchen. Es fehlt auch nicht der debilen Kaiser, eine Mischung aus Dali und Fliegendem Mann in seiner tollkühnen Kiste. Ein komödiantischer Henker auf Stelzen schwingt seine Riesenaxt, und explodierende Goldvulkane bereits zur Pause … Das Kölner Publikum hat gejubelt. Endlich hat die Kölner Opernsaison ihr rundum gelungenes Highlight!

Eine US amerikanische Passion? John Adams The Gospel According to the other Mary im Theater Bonn Peter Sellars hat die Texte zusammengestellt und Regie geführt.

In der Wüste. Das Evangelium der anderen Maria von John Adams. Foto: Oper Bonn In der Wüste. Das Evangelium der anderen Maria von John Adams. Foto: Oper Bonn
Passionszeit! Da entdecken die Großen jenseits des Teichs ihre heimliche Spiritualität. Erinnern Sie sich noch an Mel Gibsons filmische Passion Christi? Kreuzigung „so echt brutal“! Der US amerikanischen Regisseur Peter Sellars hat sich wie einst Mauricio Kagel für seine Sankt Bachpassion lieber vom großen Bachs inspirieren lassen. Die meisten Arien in der Matthäuspassion hätte Bach dem Alt, also Maria Magdalena, zugeordnet. Und so ist Maria Magdalena auch seine zentrale Figur. Neben Martha. Die Frauen stehen im Zentrum! Auch in den modernen Texten, die Sellars mit Passagen aus dem Alten und Neuen Testament kombiniert hat. Unter anderem von der US amerikanischen Autorin Louise Erdrich, der New Yorker Journalistin Dorothy Day, Gründerin der Catholic-Worker-Bewegung, oder der Mexikanerin Rosario Catellanos, die sich für die Armen eingesetzt hat. Drei Countertenöre verkörpern Jesus. Der wiedererweckte Lazarus spielt eine gewichtige Rolle. In der Inszenierung, die Peter Sellars für die Londoner English National Opera 2015 jetzt für Bonn angepasst. Am Sonntag war Premiere der deutschen Erstaufführung in Bonn.
(Sabine Weber)
Theater Bonn: THE GOSPEL ACCORDING TO THE OTHER MARY
(25. März, Theater Bonn) Leid, Ghetto, Staccatoschreie des Chors in Hippie-Blumen-bunt! Sie stehen zwischen Metallzäunen mit Stacheldrahtkrone. Karton-Kisten sind die einzigen Requisite. Sie werden zu Tisch oder Plateau, sind Treppenstufen und Stühle. Dahinter und darüber zeltähnliche Planen und Flächen mit projizierten Wüstensandschlieren, die an menschliche Körperteile denken lassen und auch mutieren. Eine proletarische Martha, Karohemd, Jeans, leitet ein Obdachlosenheim. Maria, im gestreiften T-Shirt über knatschenger Jeans, erzählt traumatisiert von leidenden Drogensüchtigen in einem Frauengefängnis. Und lernt das Beten. Die drei Countertenöre in Tarnfleckenjacke und grauer Jeans treten auf und beginnen mit der Passionserzählung. Vier Tänzer in schwarz verdoppeln Figuren und illustrieren, was sie denken, Theater Bonn: THE GOSPEL ACCORDING TO THE OTHER MARYfühlen oder was ihnen bevorsteht. Alle Aktionen sind ineinander verzahnt. Moderne Beschreibungen, Passionserzählung, zu pulsierenden Rhythmen und Klängen aus dem Graben. Wabermusik, Wundermusik, ein Hackbrett, Gongs oder Melodiefetzen der Streicher, die sich jedes Mal höher schrauben. Ein dramatisierender Klangmotor, der Akzente setzt Höhepunkte ansteuert. Das ganze ist wie ein Geheimritual, was die Akteure einige Male mit rätselhaften Gesten und Fingerbewegungen nahe legen. Einige Male gerät alles auch an den Rande des Kitschs. Etwa wenn nach einer stehenden Sekundreibung alles in einem schmachtenden Erlösungsdreiklang aufgeht und die Countertenöre im Terzett die Stunde ankündigen, die für Jesus gekommen ist. Der erweckte Lazarus zieht mit „Tell me!“ eine Predigt ab, die fast an Baptistenkirchenveranstaltungen denken.
Die stärksten Momente bietet dann der zweite Teil. Mit Rapp-Rhythmen und „haunting basses“ beginnt er. Sogar ein E-bass funkt mit. Der Chor verwandelt sich zu einem Turbachor. Jetzt geht es nach Golgatha. Für die Passionserzählung findet Sellars starke Bilder – Momentaufnahmen, die bekannte Kirchenbilder und Motive streifen. Das letzte Abendmahl, die Pieta … Auf einem Plateau schreiten die drei Counter mit Maria und Martha zu einer imaginären Schädelstätte. Auf dem anderen Kartonplateau schleppt ein Tänzer den anderen wie Jesus das Kreuz. Helle Klarinetten Theater Bonn: THE GOSPEL ACCORDING TO THE OTHER MARYjaulen schmerzhaft auf, dann klagen die Bassklarinetten, alles im gelben Flutlicht der Überwachungsleuchten. In der Kreuzigungsszene kreuzigt erst ein wütender Tänzer den anderen hilflos auf dem Boden liegenden. Mit Kreuzigungsarmen wird er auf ein Plateau gehoben. Dann legt sich der zweite eben noch böse Tänzer auf ihn. In Spasmen, Rhythmen und Bewegungen sterben sie vereint, umringt von Martha, Maria und einer weiblichen Tänzerin. Und einige der sieben letzten Worte Jesu am Kreuz sind auch inszeniert… Sehr berührend. Nachdem die Bühne in tiefem Rot brennt, dann im Blau ertrinkt, löst sich die Katastrophe in einer Naturhaften Betrachtung auf. Auferstehung. Wiedergeburt. Ein ritueller Frühlingstanz folgt.
Theater Bonn: THE GOSPEL ACCORDING TO THE OTHER MARYChristin-Marie Hill als Maria Magdalena stimmstark und mit ausdrucksstarker Gesichtsmimik und Ceri Williams als Martha sind die in fast jedem Moment präsente Hauptakteure. William Towers mit seinem silberreinen Timbre führt die Countertenor-Kollegen Benjamin Williamson und Russel Harcourt an. Ronald Samm ist ein gewaltiger Moses-Lazarus und Baptisten-Prediger. Die Tänzer sorgen wie Schatten und Nebenfiguren dezent und doch entscheidend für Bewegung in den Bildern. Ja, am Ende ist das Publikum im Bonner Theaterraum gerührt und feiert Chor und Solisten und die britische Dirigentin Natalie Murray Beale. Peter Sellars mit hochstehendem Haupthaar und Ketten über blumigem Hemd lässt sich auf der Bühne feiern. Fehlte nur John Adams. Der Gründervater einer ziselierten und alles andere als tumben Miminmalmusik wollte sich aus der Bay Area bei San Francisco wohl nicht wegbewegen. Wahrscheinlich fastet er… Mit Peter Sellars ist ja sein Hausregisseur am Platz ist. Sellars hat bisher alle Bühnenwerke Adams szenisch aus der Taufe gehoben.

Zum Making-off eines Re-Makes. Die Opéra de Lyon recycelt drei deutsche Opern-Regiearbeiten aus den 1980ern und 90ern.

Elektra auf dem Sprungturm. Das Bühnenbild einer spektakulären Inszenierung von 1986 Foto: Stofleth

Elektra auf dem Sprungturm. Das Bühnenbild einer spektakulären Inszenierung von 1986 Foto: Stofleth


Ein Sprungturm im Schwimmbad und darunter das Orchester ? Ein wirklich spektakuläres Bühnenbild. Und schon 31 Jahre alt! Es stammt aus der Semperoper. 1986 spielte dort Richard Strauss’ Elektra inszeniert von Ruth Berghaus. Eine legendäre Inszenierung, die die Opéra de Lyon auf ihrem aktuellen Opernfestival rekonstruiert (7. März bis 5. April 2017). Für die Rekonstruktion wurden keine Mühen gescheut, wie Robert Körner berichtet. Als Directeur de la production artistique zieht er so ziemlich alle künstlerischen Register im Hintergrund. Mémoires ist das Festival überschrieben. Erinnerungen! Und da liegt es nahe, den Orchesterchef Hartmut Haenchen nach seinen Erinnerungen zu befragen. Er hat nämlich schon 1986 für die Dresdner Premiere, nein, nicht im Orchestergraben, sondern auf der Bühne gestanden. In der gerade wieder neu eröffneten Semperoper…
(Die Fragen stellt Sabine Weber)

FAVORI: Nach 31 Jahren, was haben Sie da noch für Erinnerungen an die Premiere dieser Inszenierung damals?

Hartmut Haenchen, auf dem Lyoner Opernfestival Dirigent der Elektra und des Tristans. Foto: Riccardo Musacchio

Hartmut Haenchen, auf dem Lyoner Opernfestival Dirigent der Elektra und des Tristans. Foto: Riccardo Musacchio


HARTMUT HAENCHEN: Ich hatte mit Ruth Berghaus zusammen ja schon ein Jahr zuvor, zur Eröffnung der neuen Semperoper, Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke von Siegfried Matthus gemacht. Und wir suchten im Jahr darauf ein Stück, das in diese Oper gehört. Die Elektra ist ja dort uraufgeführt worden. Aber der Orchestergraben ist nach der Wiedereröffnung historisch genau so gebaut worden, wie er am Anfang der Semperoper gebaut worden war, nämlich zu klein. Zu Strauss-Zeiten war der Orchestergraben vergrößert worden. Man hat also historisch so gebaut, dass das Elektra-Orchester in den nun wieder neuen Orchestergraben nicht hinein passte. Ich habe gesagt, ich mache keine kleine Fassung, ich mache nur die Originalfassung mit 115 Musikern.

FAVORI: So ist die Idee mit dem Orchester auf der Bühne und dem Bühnenbild in der Vertikalen entstanden?

HARTMUT HAENCHEN: Also die Idee des Turmes, die stammt von mir! Interessanter Weise hat mir die Assistentin Katharina Lang, die damals bei der Einstudierung dabei war, mit der Ruth Berghaus, die jetzt hier in Lyon inszeniert hat, die hatte noch meine Zeichnung, weil ich den Bühnenbildentwurf gemacht habe. Hans Dieter Schaal als Architekt hat sie dann in eine schöne Form gebracht. Und dem auch Sinn gegeben, auch im Zusammenhang mit der DDR, dass man eben immer auf dem Sprung ist.
Aber die Idee ist auf meiner Zeichnung entstanden, und da bin ich nach 31 Jahren noch ziemlich stolz drauf… (lacht)

FAVORI: … und die Zeichnung, die das beweist, ist jetzt im Rahmen des Mémoires-Festivals wieder aufgetaucht! Mit Ruth Berghaus war damals wohl eine ziemlich offene Zusammenarbeit möglich, in der jede beteiligte Künstlerperson gehört wurde. Sie ist ja wie Sie ein „DDR Geschöpf“...

HARTMUT HAENCHEN: Ich habe mit all den großen DDR Regisseuren zusammen gearbeitet, am intensivsten mit Harry Kupfer. Für mich waren beide spannend und prägend, und mit beiden konnte ich von vorneherein planen, was heute mit vielen Regisseuren so schwierig ist, weil sie keine Zeit haben oder die Zeit sich nicht nehmen wollen. Ich als musikalischer Leiter weiß genau, was ich will und selbstverständlich was der Komponist will. Auf dieser Basis muss man ein Konzept erarbeiten. Heute wird das oft anders herum gemacht. Ein Regisseur interessiert sich überhaupt nicht für die Musik, kennt die Musik manchmal überhaupt nicht und gelegentlich auch mal nicht den Text. Ich habe Regisseure gehabt, die mit dem Reclamheft inszeniert haben und Regisseure, die den Text noch nicht einmal durchgelesen haben. Das ist eine Tendenz heute, die mir Sorgen macht. Und das war mit Ruth Berghaus natürlich überhaupt nicht so. Oder mit Harry Kupfer oder Johannes Schaf, der dann nicht aus der DDR kam aber aus der Richtung. Solche Leute gibt es heute auch noch, aber es gibt auch viele, die das Handwerk, das zum Opern-machen gehört, nicht mehr haben…

FAVORI: Wie war das, wieder in die alte Inszenierung einzutauchen?

HARTMUT HAENCHEN: Für mich war das Gefühl in Lyon auch ein bisschen Angst, wenn ich die Produktion nach 30 Jahren wieder sehe, finde ich die dann noch so gut, wie ich sie damals fand? Ich stand ganz hinter der Produktion. Es ist ja ungewöhnlich, dass das Orchester mitten auf der Bühne sitzt. Und ich stehe ja vor dem Turm, was nicht so einfach ist, weil die Höhe schwindelerregend ist. Ich selber mache das ja immer so, dass ich vorher auf die Plätze gehe, wo die Sänger singen, um das Gefühl zu bekommen, was die Sänger leisten müssen, weil man dann auch besser verstehen kann, warum Dinge dann nicht so laufen, wie ein Dirigent sich das vorstellt. Und der Turm schwankt! Die ganze Klytemnästra-Szene ist im wahrsten Sinne des Wortes für den Sänger atemberaubend. Das ist eine Wechselwirkung zwischen Höhenangst und Absturz. Und um Absturz geht es natürlich auch. Das ist natürlich die Berghaus, die mit einer Bildersprache arbeitet, in einer Brechung zwischen Brecht-Theater und Tanztheater. Es gibt so viele Metaphern. Das fordert den Zuschauer heraus, mit zu denken. Natürlich waren diese Zeichen 1986 auf die DDR gemünzt. Ob das die Kleidung der Mägde ist oder der Turm. Türme haben ja die DDR umgeben. Und viele Leute, die auf dem Sprung waren, die weg wollten, die sich gesehnt haben nach anderen Dingen, nach dem scheinbar Guten, das alles kommt in dem Stück vor. Das war natürlich für das geschulte DDR Publikum eine politische Botschaft, die da gegeben wurde. Und das war ja die Situation der Künstler in der DDR. Und dass man wusste, dass das Publikum in der Lage ist, politische Botschaften, die man immer bis zur Grenze des Erlaubten formuliert hat, zu verstehen. Oft wurden in der GP auch noch bestimmte Sachen gestrichen. Die Dinge sind geblieben, die dann nicht so eindeutig waren. Das Publikum hat’s verstanden und war drauf geeicht. Das fand ich als Künstler spannend. Das verstehen die Leute heute vielleicht nicht mehr. Diese Untertöne, Botschaften, die sind heute schwierig zu verstehen.

FAVORI: Ich finde, man hat die Zeichen schon verstanden, aber sich natürlich nicht in die Situation eines DDR Bürgers damals hineinversetzten können. Also dieses Entkommen-wollen von einer Sache, die auf einen zurollt, war für mich sehr stark zu spüren. Von der Spannung und dem Sans souffle mal abgesehen, war auch die Sehnsucht nach dem berührt-werden stark, Kontakt-suchen. Allein wie Strauss Namensrufe vertont. Das Anrufen einer Person. Aber hat Sie diese Aufführung voll befriedigt?

HARTMUT HAENCHEN: Ja! Ich war ja 1996 so weit, dass ich gesagt habe, ich mache das Stück nie mehr, weil ich es emotional und kräftemäßig nicht mehr schaffe. Dann kam doch noch einmal eine Anfrage aus Toulouse. Ich habe es gemacht und geschafft. Hier in Lyon habe ich es natürlich mit einer vollkommen irrsinnigen Situation zu tun, einen Abend Elektra und einen Abend Tristan, das ist für einen alten Mann schon extrem. (lacht)

FAVORI: Es sind aber auch zwei wahnsinnige Stücke und Inszenierungen, die hier rekonstruiert werden. Heiner Müller ist ein überzeugter DDR-Theatermann in Berlin gewesen. Konnte man in der DDR damals modernes Regietheater machen, wie es im Westen vielleicht gar nicht so einfach möglich war? War drüben etwas möglich, das wir durch diese Remakes wieder spüren können?

HARTMUT HAENCHEN: Das kann ich nicht vergleichen, weil ich in der Zeit, bevor ich nach Amsterdam ausgewandert bin, nur in der DDR gearbeitet habe.
Ich kann nur sagen, dass das damals gute Zusammenarbeiten waren. Theater an der Grenze zu machen, das fordert natürlich alle heraus. Und das hat man anderswo nicht so machen können.

FAVORI… oder nicht mit diesem Bedürfnis, etwas zu machen, das rückspiegelt auf diese Grenzsituation. Wenn Grenzen zu sind, fühlt man sich gefangen … Haben Sie die Heiner Müller Inszenierung in Bayreuth eigentlich sehen können?

HARTMUT HAENCHEN: Ich habe sie in Bayreuth nicht gesehen. Das hängt mit meiner persönlichen Bayreuth-Geschichte zusammen. Ich hatte ja eine Einladung, den Fliegenden Holländer mit Harry Kupfer zu machen. Dann wurde daraus nichts. Und ich hatte ein gebrochenes Verhältnis zu Bayreuth, bis ich später aus den Stasi-Unterlagen erfahren haben, dass die Stasi das verhindert hat. Die Heiner Müller Aufführung kenne ich nur vom Video, und wie das so ist mit einem Video, das kann’s nicht wieder geben. Der Zauber der Produktion entsteht durch den Raum, den Erich Wonder erfunden hat. Und dieser Raum ist ja auch ein klaustrophobischer Raum, weil er vorne mit Gaze abgeschlossen ist. Das ist auch für den Dirigenten nicht einfach, weil man den ganzen Abend eine Mauer vor sich hat. Die Gaze ist zwar Klangdurchlässig, aber es ist ein merkwürdiges Gefühl. Diese Produktion treibt das, was wir in der Berghausproduktion haben, noch weiter, nämlich die Reduktion auf Gesten. Da ist das Publikum in ganz anderer Weise gefordert. Das Stück als solches wird nicht dargestellt. Die Körpersprache ist für einen Sänger auch schwierig. Der würde sich gern mehr bewegen. Hier ist alles reduziert auf Atmosphärisches. Außer mal die Hand halten, findet der Zuschauer nichts. Zweimal wird es Dunkel… FAVORI: Brangäne!? HARTMUT HAENCHEN: Ja, bei den Brangänerufen, da passieren dann Dinge, die wir eben nicht sehen sollen. Das ist Theater, das ganz anders ist als das plakative Theater, das wir heute haben, wenn Dinge auf das Stück aufgepfropft werden. Die reduzierende Lesart von Müller ist für den Musiker, der im Graben steht, auch eine Chance, die Wichtigkeit der Musik zu unterstreichen. Die Musik erzählt soviel und widerspricht auch dem Text. Das ist ja das Spannende an Wagner, dass die Musik immer wieder einer Behauptung auf der Bühne widerspricht. Sozusagen das Gegenteil beweist. Das ist für den Dirigenten eine wunderbare Situation.

FAVORI… Das Festivalmotto „Memoires“ präsentiert ausschließlich Remakes. Was sagen die Remakes heute aus? Ist das eine Aufforderung, sich mehr mit Regiegeschichte zu beschäftigen?

HARTMUT HAENCHEN: Ich würde sagen, es hat zwei Aspekte. Der eine Aspekt: schauen wir doch mal zurück auf Produktionen, die spektakulär waren! Wie finden wir das heute? Spannend? Gut? Das müssen allerdings andere beurteilen. Und zweitens, aus meiner Sicht, Regie entwickelt sich natürlich weiter. Aber schauen wir doch mal wieder, wo wir her kommen? Gibt es Dinge, über die wir wieder nachdenken sollten und Dinge, die wir wieder weglassen können, weil sie überflüssig sind…?

Robert Körner, Directeur  de casting de l'Opéra de Lyon et de la production artistique. Foto: Le Progrès

Robert Körner, Directeur de casting de l’Opéra de Lyon et de la production artistique. Foto: Le Progrès

FAVORI: Robert Körner: Die Elektra von 1986, Heiner Müllers/ Erich Wonders Tristan von 1993 und Klaus Michael Grübers Poppea von 1999! Waren diese Remakes schwierig zu realisieren?

ROBERT KÖRNER: Natürlich sind Remakes immer kompliziert zu machen, weil ja quasi nichts existiert. Wir basieren uns auf Modelle, Aufzeichnungen. Die Regisseure sind ja alle verstorben. Zum Glück hatten wir die Bühnenbildner, die Kostümbildner leben noch alle. Und es gibt konkrete Aufzeichnungen. Wir haben Erich Wonder gewinnen können, uns seine Aufzeichnungen zur Verfügung zu stellen. Wir haben die Bayreuther Bühne nachgebaut. Hans Dieter Schaal, der das Bühnenbild für Elektra geschaffen hat, und Marie-Luise Strandt, die Elektra-Kostümbildnerin, waren vor Ort. Auch Klaus Maria Grübers Equipe, um Poppea nicht zu vergessen, die gibt es ja noch, sodass wir darauf aufbauen konnten. Aber wir mussten alles neu bauen und an die Bedingungen hier anpassen. Für Bayreuth entstehen immense Bühnenbilder, was ja für uns auch eine große Herausforderung war. Eine Stunde Umbauzeit zwischen den Akten haben wir hier nicht! Bei der Rekonstruktion konnten wir uns auf damalige Assistenten verlassen. Auf Katharina Lang, die langjährige Assistentin von Ruth Berghaus, Stephan Schuschke Assistent von Heiner Müller und Ellen Hammer von Klaus Michael Grüber, die wir gewinnen konnten. In diesem Sinne hatten wir eine gute Basis.

FAVORI: Wie waren die Reaktionen, als Sie auf die Leute zugegangen sind, hat das auch Emotionen ausgelöst? Welche?

ROBERT KÖRNER: In jedem Fall haben wir große Begeisterung geweckt. Wir haben ja auch große Inszenierungen aufleben lassen. Und die Begeisterung lässt sich von damals durchaus übertragen. Für diese Maître d’oeuvres ist sie ungebrochen.

FAVORI: Wie muss man sich das vorstellen? Sie haben den Telefonhörer aufgehoben und dann Frau Katharina Lang angerufen?

ROBERT KÖRNER: Ja natürlich, ich habe Katharina Lang angerufen und Hans Dieter Schaal. Etwa vor 2 Jahren haben wir uns hier für eine Bauprobe getroffen, und da war schon die Begeisterung da, das wieder zu machen..

FAVORI: Gab es Änderungen, hat man sich künstlerische Freiheiten erlaubt oder auch Verbesserungen????

ROBERT KÖRNER: Wir haben versucht, es so original wie möglich zu bringen. Auf jeden Fall vom Bühnenbild und vom Kostüm her. Und auch von der Regie her. Es gibt von der Poppea und von Bayreuth DVDs, Fernsehaufzeichnungen. Für Elektra nicht, aber wir konnten den Sohn von Ruth Berghaus, Maxim Dessau gewinnen, dass er uns exklusives Material zur Verfügung gestellt hat, die originalen Regiebücher „1 zu 1“. Wir haben versucht, zu rekonstruieren. Und das war ja auch die Idee des Festivals „Mémoires“, nicht eine Interpretation, sondern eine Wiederaufnahme dieser alten Meisterwerke zu bringen.

FAVORI: Bei der Poppea-Partitur gibt es viele Striche, die wurden also nicht hinterfragt?

ROBERT KÖRNER: Das ist genau die Partitur, die es in Aix-en-provence gab. Wir haben uns daran gehalten. Wir haben auch die Besetzungsfragen, ob man mit Counter besetzt oder mit Sopran, von dieser Fassung von Marc Minkowski übernommen. Da gab es Recherchen und Kontakte untereinander…

FAVORI: Sind ihre Ziele, eine „Memoire-Situation“ für Menschen zu schaffen, die das Stück eventuell nicht gesehen haben, aufgegangen? Oder ist doch eher etwas Neues entstanden?

ROBERT KÖRNER: Ich weiß nicht, ob etwas Neues entstanden ist, aber es ist eine kontroverse Situation entstanden. Diesem Retro-Trend sollte man nicht vollständig verfallen. Aber es gibt doch jetzt eine neue Diskussion dieser Tage. Ist es überhaupt möglich, so etwas zu rekonstruieren und einem heutigen Publikum nahe zu bringen? Und ich finde, dass es gelungen ist. Und zumindest eine kontroverse Diskussion haben wir angestoßen, die ja enorm wichtig ist, die ja wichtig ist, sich mit grundsätzlichen Fragen auseinander zu setzen. Einige finden es natürlich toll, andere sagen, na ja, ich weiß nicht so genau. Aber es ist nie schwarz oder weiß …

FAVORI: War denn Ihre Idee da, bevor die Salzburger Osterfestspiele das Walküren-Remake in Angriff genommen hat?

ROBERT KÖRNER: Es ist wirklich komisch, dass dieser Retro-Trend gerade so viel diskutiert wird in der Presse. Aber ich glaube, die Ideen sind unabhängig von einander entstanden. Wir haben uns weder mit Salzburg abgesprochen. Noch haben die unsere Publikationen gelesen. Ich glaube, es ist purer Zufall. Oder es ist der Zwang, eine Notwendigkeit, so etwas zu machen. Aber ich kann versichern, dass es keine Absprachen gab…

Elisabeth Leonskaja mit den drei letzten Klaviersoanten Beethovens im Bahnhof Rolandseck

Elisabeth Leonskaja

Elisabeth Leonskaja

AUSTRIA /Elisabeth Leonskaja - Konzerthaus © Julia Wesely
Seinen 80. Geburtstag hätte Johannes Wasmuth im letzten Jahr gefeiert. Zum 20. Mal jährt sich sein Todesjahr in diesem Jahr. Und auch Elisabeth Leonskaja gehörte zu den jungen Künstlern, denen Wasmuth im Künstlerbahnhof Freiraum gegeben hat, unbeschwert zu leben und zu arbeiten. Nach Radu Lupu erweist sie Johannes Wasmuth im zweiten Sonderkonzert eine atemberaubende Reverenz. Mit Beethovens Opus 109 – 111.
(Sabine Weber)

(14. März, Arp Museum Bahnhof Rolandseck) Dass der Verleger Schlesinger die letzen drei Sonaten Ludwig van Beethoven als „schöne Werke“ bezeichnet hat, ist ein befremdlicher Euphemismus. Schroffe Akzente im fff, aber auch im piano: sfp, sf, poco ritenete espressivo, also ein leichtes Rubato, aber mit Ausdruck!, dann wieder a tempo … Tempowechsel von Takt zu Takt. Abrisse, Schreie, Verzweiflung. So viele Vortragsanweisungen hat Beethoven übrigens noch nie über und unter den Notentext gesetzt. Und die lärmenden Akkorde in den tiefsten Bass-Lagen der linken Hand sind ein unüberbrückbarer Gegensatz zu den klagenden Gesängen in den höchsten Lagen, alles in abrupt verstörendem Wechselspiel. Leonskaja schöpft die ganze Bandbreite der Dynamik in diesem Sonaten aus. Und wenn Akkorde in der Tiefe hämmern, scheint sie der Verzweiflung eines bereits ertaubten Beethoven alle Gewalt geben zu wollen, der des Ohrs beraubt Erschütterungen körperlich zu spüren versucht. So ist das Auseinanderdriften von linker und rechter Hand in die Extreme der Klaviatur deutbar, die den gängigen Klaviersatz sprengen. Und bei aller gewaltigen Gewaltsamkeit bewahrt sie die Ruhe einer großen Meisterin. Wie eine Hohepriesterin arbeitet sie diese Extremwelt aus dem schwarzen Klavierkörper heraus. Und selbst wenn sie die Dämpfer des Haltepedals mit dem sich langsam hebenden Fuss von den Saiten nimmt, gestaltet sie noch den Klang in den Obertönen. Ihr Spiel geht volles Risiko ein. Ohne doppelten Boden dient sie einem Extremausdruck mit der Souveränität einer Meisterin, der alle Mittel zu Gebote stehen. In der Opus 110 wagt sie halsbrecherisches Leggiorspiel, und die Fuge gerät unerbittlich mit Besessenheit, das Ende überraschend zart und kurz! Der Abschiedsgesang, die Arietta aus Opus 111, ist ein herzzerreißendes Bekenntnis – semplice – einfach und doch die Grenzen sprengend. Der Bass begleitet die kleine Melodie so tief, als wollte er lieber in den Abgrund stürzen. Dieser Abend hat verstört und dennoch Musik von ungewohnter Intensität beschert. Dank einer großartigen Künstlerin, die bescheiden den Saal betritt und wieder verlässt. Alles im Dienste der Musik!

s.a. ausführliches Interview mit Elisabeth Leonskaja anlässlich der Verleihung des International Classical Music Award für ihre CD „Paris“ vom Februar 2014

Radu Lupu gibt einen Klavierabend im Festsaal Bahnhof Rolandseck

Radu Lupu am Flügel im Festsaal Bahnhof Rolandseck

Radu Lupu am Flügel im Festsaal Bahnhof Rolandseck


Seit Jahrzehnten hält der rumänische Weltstar Radu Lupu diesem einmaligen Konzertort zwischen Bonn und Remagen die Treue. Und ist kurz vor seinem Klavierabend zum Ehrenmitglied der Johannes-Wasmuth-Gesellschaft ernannt worden, die ihrem Namensgeber zu Ehren auch dieses Konzert veranstaltet hat.
(Sabine Weber)

(16. Februar, Arp Museum Bahnhof Rolandseck) Wie ein Brahms sitzt er am Flügel. Natürlich nicht so massig, aber fast unbeweglich, leicht zurückgelehnt. Der Klavierhocker ist ein Stuhl mit Lehne. Der Kopf ist in Trance, die Arme sind weit nach vor gestreckt. Und die Finger bewegen sich fast unmerklich durch eigenartige Variationen. Das Andante f-moll Hob XVII:16 von Joseph Haydn ist Melancholie pur. Sphärisch setzt die Themenmelodie mit der hin und her pendelnden Bassbegleitung ein. Für das Andante-Thema hat Haydn auf eine Arie aus seiner Oper L’anima del filosofo zurück gegriffen, „Perduto un’ altra volta“. Noch einmal verloren sein! Todesgedanken. Auch wer das nicht weiß, der oder dem teilen sich Trauergefühle sofort mit. Daran ändern im Verlaufe des Stücks die „Scarlattischen“ Vertracktheiten wie das Übergreifen der Hände auch nichts. Immer wieder chromatische Linien. Und Lupu hält jeden Ton wie beherrscht zurück. Jeder Ton wird würdevoll durchmessen, jedes Detail soll klingen wie es ist. Das Pedal ist über weite Strecken nicht vorhanden. Das hat etwas stoisches aber ist ungemein berückend, weil so wahrhaftig. Lupu setzt nichts auf und dran. Höchstens seine Stimme, die mitsummt, singt und brummt. Versunken im kontrollierten Gefühl, das in der Coda kurz ahnen lässt, wie viel Kraft dieser rumänische Pianist Anfang 70 entfesseln kann. Und immer wieder rauscht ein Zug durch seine Parade. Und erinnert daran, dass dieser Festsaal ein ehemaliger Bahnhofswartesaal ist.
Radu Lupu ist nicht von ungefähr hier zu Gast, in diesem Sonderkonzert anlässlich des 80. Geburtstags von Johannes Wasmuth. Der 1997 verstorbene Visionär Wasmuth hat diesen Bahnhof in den 1960ern mit großen Namen wie Marcel Marceau oder Stefan Askenase wütigen Stadtplanern entrissen, die ihn abreißen lassen wollten. Und hat ihn zu einem einzigartigen Künstlertreff am Rhein gemacht – bis auf den heutigen Tag. Künstler waren zu Gast, die man niemals hier vermutet hätte. Martha Argerich soll sich unter anderem hier auf ihren großen Chopinwettbewerb vorbereitet haben. Radu Lupu und Elisabeth Leonskaja, die den zweiten Sonderkonzertklavierabend zu Ehren Wasmuth am 14. März geben wird, sind ihm lebenslange Freunde gewesen.
Radu Lupu im Gespräch mit der wohl ältesten Damen aus dem Publikum vor dem Konzert.

Radu Lupu im Gespräch mit der wohl ältesten Damen aus dem Publikum vor dem Konzert.


So ist zu verstehen, dass ein Weltklassekünstler wie Lupu den Weg hier hin ganz selbst verständlich gefunden hat. Sich in diesem immer heißer werdenden Saal an ein hörbar älteres Steinway-Modell setzt und in der C-Dur Fantasie op 17 von Robert Schumann hingebungsvoll Stürme entfesselt, für das ihn dicht umringende Publikum. Diese Fantasie ist ein geniales Frühwerk, das das Tor in die romantischen Ideenwelten eines Schumanns weit öffnet. Einfache Melodien treffen auf verrückte Rasereien. Ständige Aufschwünge, Ausbrüche, ein Schmelztiegel, in denen Chopineske Begleitmustern ebenso wie getragene Beethovenklavierthemen aus langsamen Sätzen fantastisch aufscheinen. Lupu durchpflügt diesen das Gedächtnis in seiner Sprunghaftigkeit strapazierenden Kosmos wie ein weitblickender Souverän mit Blick auf das Ganze. Gewaltig, eckig, bizarr, alles hat er im ruhigen, dennoch mächtigen Griff. Im mittleren Satz schichtet Schumann wie Mussorgksy in den Bildern seiner Ausstellung Akkorde unter das Eröffnungsthema. Lupu liebt es, zu Arpeggieren. Liszt wird auch begrüßt, dem Schumann dieses Werk auch verehrt hat. Zum Schluss geht’s Barcarolenmäßig mit Mondschein auf den Rhein… in ein vielleicht etwas zu lautes Finale. An Schumanns Vortragsweise „durchweg leise zu halten“ mag sich Radu Lupu an diesem Abend nicht halten.
Mit den Jahreszeiten op. 37 von Peter Tschaikowsky füllt Lupu den zweiten Teil. Und gereicht den Miniaturen zu großer Ehre. Es sind einfache, aber wirkungsvolle, den Monaten zu geordnete Poesiestücke. “Im schlichten Volkston” hätte ein Schumann drüber geschrieben. Der Verleger hat den Monaten nachträglich Gedichtzeilen hinzugefügt. Tschaikowsky hat die Charakterstücke aber ohne Programmhintergedanken frei erfunden. Und Lupu spinnt feine Zusammenhänge, zeichnet liebevoll die Linien und bringt diese Stücke ganz uneitel zum Klingen. Traumhaft geht dieser Rolandseck-Abend zuende. Auch der letzte Blick von der mit Kerzen erleuchteten Bahnhofsterrasse über den vernebelten Rhein hinweg in Richtung Siebengebirge gehört dazu…

Schicksal trifft auf Staatsmacht. Gian Carlo Menottis Der Konsul bringt am Großen Haus in Mönchengladbach das menschliche Leid von Asylbewerbern nahe

Die Macht der Staatlichen Bürokratie. Jana Bartolova und Izabela Matula als Sekretärin und Magda Sorel in Gian Carlo Menottis Der Konsul. Foto: Stutte, Krefeld

Die Macht der Staatlichen Bürokratie. Jana Bartolova und Izabela Matula als Sekretärin und Magda Sorel in Gian Carlo Menottis Der Konsul. Foto: Stutte, Krefeld


Die Realität hat die Neuproduktion in Mönchengladbach unverhofft eingeholt. Das Dekret der US-Regierung, muslimischen Staatsbürgern vorläufig die Einreise zu verweigern, bezieht sich auf ein restriktives Einwanderungsgesetz der McCarthy-Ära. Genau in diesem zeitlichen Umfeld entsteht Gian Carlo Menottis Der Konsul. Staatsbürger aus sieben Ländern könnte in den US amerikanischen Konsulaten also blühen, was Magda Sorel derzeit auf der Bühne in Mönchengladbach erlebt. Das sollten wir alle miterleben, um zu verstehen, um was es geht!
Von Sabine Weber

Weitere Termine: 8. Februar, 5. März, 14. März, 24. März, 26. Mai, 10. Juni jeweils 19.30 Uhr
weitere Infos unter: http://theater-kr-mg.de/spielplan/inszenierung/der-konsul/

(Großes Haus in Mönchengladbach, Premiere am 4. Februar 2017) „Es steht dem amerikanischen Präsidenten zu, jeder ‘Gruppe’, deren Einreise er als ‘schädlich für die Interessen der Vereinigten Staaten’ ansieht, diese zu verweigern. Sagt das Einwanderungsgesetz von 1950. Heute morgen sind die Titelseiten voll davon, dass sich ein Bundes-Richter der aktualisierten Neuauflage dieser Restriktion durch Donald Trump widersetzt. Aber das US-Justizministerium hat bereits Berufung gegen diesen Richter eingelegt. Der Kampf geht weiter!
Was sich wie ein Kampf der Giganten in den Zeitungen mitteilt, ist im Alltag vieler Menschen grausame Härte. Darum geht es Gian Carlo Menotti in diesem Musikalischen Drama von 1952. Und miterlebt hat er es in der McCarthy Ära bei Freunden oder am Flughafen. Wie man Menschen durch die Verweigerung eines Visum, einer Ausreise-, Einreisegenehmigung, Meldebescheinigung und ohne Geburtsurkunde oder gültigen Pass zu rechtlosen Menschen macht! Sie stehen auf der Bühne vor dem übergroßen Schreibtisch der Konsulats-Sekretärin. Ausgeliefert einer Schickse mit grell blond gefärbten Haaren, grellrotem Lippenstift und im grauen Kostüm übt sie ihre Amtsmacht aus. Die Bittsteller stehen eingeschüchtert vor ihr in einer Schlange. Wenn sie drankommen, fehlt immer ein Papier. Oder sie müssen noch ein weiteres Papier ausfüllen – und wiederkommen. ‘Es kann zwei drei Monate dauern’, bis alle Papiere da sind, bekommt eine Italienerin zu hören, die zu ihrer todkranken Tochter will. ‘Da kann ich nichts tun’, ist der Sekretärin liebste Antwort. Schlimm ergeht es der vom Geheimdienst verfolgten Familie Sorel. Der Vater taucht unter, die Frau bleibt bei dem kranken Sohn. Vergeblich läuft sie gegen die Mauern des Riesenschreibtischs an. Bis sie aus Verzweiflung Selbstmord begeht.

Die Geheimpolizei bei den Sorels. Der Mann versteckt sich in einem Loch unter dem Teppich. Izabela Matula, Satik Tumyan und Rolf Giesen als Magda, Oma und Agent. Foto: Stutte, Krefeld

Die Geheimpolizei bei den Sorels. Der Mann versteckt sich in einem Loch unter dem Teppich. Izabela Matula, Satik Tumyan und Rolf Giesen als Magda, Mutter und Agent. Foto: Stutte, Krefeld

Regisseurin Katja Bening kommt mit zwei Bühnenbilder aus, entworfen von Bühnenbildner Udo Hesse. Das ist einmal die farblose und kärgliche Dachwohnung der Sorels, die immer wieder von Geheimagenten durchsucht wird. In Melone und Kamelhaarmantel erinnern die Agenten an Sherlock-Holmes-Filme. Zuhause läuft man im Bademantel und auf Socken herum! Dann die knallrote Amtstube der Konsulatssekretärin mit Riesenschreibtisch und Riesenschubladen im Hintergrund, aus denen sogar Gestalten aussteigen können. Beide Bühnenbilder rücken im Verlauf der zwei Akte ineinander. Die Szenerie wird ein einziger Alptraum. Die Kostüme – ebenfalls von Udo Hesse, sind unauffällig. Ein Antragsteller scheint Jude zu sein, er trägt ein rundes Käppi. Die Italienerin einen Berry, Magda Sorel tritt im Trenchcoat und weiß-schwarzen Oma-Schuhen ihren Behördengang an. Gesprochen, rezitiert oder gesungen werden die Fälle vorgetragen. „Wo soll ich denn hin?“ Die Antwort der Sekretärin berührt aktuell ganz unangenehm: „gehen Sie doch dahin zurück, wo Sie herkommen!“ Klingt wie ein hämisches Echo aus dem politischen Umgang mit Flüchtlingen im hier und jetzt. Wen interessieren die Umstände, die zu diesen Schicksalen geführt haben? Sie sind übrigens auch kein Thema in diesem Drama. Der Amtsgang ist hier die Handlung. Selbst wenn einer dem anderen in der Schlange mal beisteht oder hilft, bleibt doch alles schemenhaft. Und fast pädagogisch! „Eine Anklage gegen Tyrannei in jeder Form!“, so Menotti.
Budenzauber im Konsulat. Jana Bartolova, Rolf Giesen, Gabriela Kuhn, Debra Hays, Hayk Dèinyan und Izabela Matula. Foto: Stutte, Krefeld

Budenzauber im Konsulat. Jana Bartolova, Rolf Giesen, Gabriela Kuhn, Debra Hays, Hayk Dèinyan und Izabela Matula. Foto: Stutte, Krefeld

Dramaturgisch merkwürdig ist ein Zauberer, der die Warteschlange mit Tricks unterhält und sich musikalisch zu einer Kabarett-Nummer auswächst. Hat Menotti etwa für den Erfolg seiner Anklage in den Staaten vorsorglich Entertainment eingebaut? Die Musik Menottis geriert sich überhaupt in Stilkopien und Illustrationen. Sie übernimmt nie die Regie, sondern geht mit kurzen Floskeln oder Kommentaren dazwischen, wirft einen Blick aufs Spannungsbaromenter und bleibt insgesamt Filmmusikalisch begleitend. Während der Umbauten werden Bilder einem Bühnenentwurf von 1952 projiziert. Bereits im Uraufführungsjahr ist Menottis Der Konsul nämlich in Mönchengladbach bereits das erste Mal inszeniert worden! Das soll Erwähnung finden! Klänge dazu liefern perfekt abgepasst und eingeworfen die Niederrheinischen Sinfonikern unter ihrem ersten Kapellmeister Diego Martìn-Etxebarría. Es klingt nach Bernhard Herrmanns Hitchcock-Filmmusik, oder wiegende Siciliano-Rhythmen im relativ kleinbesetzten Orchester, dann, wenn es mal um „beruhige dich!“ geht. Ein Lamento für Trauer, einen pompösen Trauermarsch. Hier und dort auch leicht jazzige Allüren. Oder das Klavier fällt mit jagenden Rhythmen ein, weil die Geheimpolizei wieder vor der Tür steht. Alle Beteiligten bringen sich mit Engagement ein. Allen voran das Ensemble mit der aus Krakau stammende Izabella Matula, mit großer Stimme stattet sie die Magda Sorel aus. Satik Tumyan hat als vermittelnde Oma im ersten Teil viel zu singen. Ihr unfreiwilliger Akzent könnte immerhin daran erinnern, dass es sich um Asylanten handelt. Der hilfsbereite Jude Kofner, Hayk Deinyan, oder Rolf Giesen, der den Geheimpolizisten und dem Zauberer seine Stimme leiht. Das englische Libretto von Menotti selbst vefasst ist ins Deutsche übersetzt worden. Schade vielleicht nur, dass das Sprechen vor allem am Anfang, an die künstliche „Opern-Spreche“ erinnert. Die Apotheose am Schluss, wenn Magda Sorel sich am Gasofen vergiftet hat und alle Gestalten tot oder lebendig sich um sie wie im Jenseits scharen, hat etwas sehr melodramatisch Überzogenes. Da reagiert die Regie vielleicht allzu sehr auf Menottis Musik, die wie in einer Nino Rota Filmmusik zu einem Visconti-Historiendrama aufdreht. Licht wirbelt durch das Dachkammer-Sekretariat. Verklärung durch Tod? Insgesamt ist das aber eine wunderbare und couragierte Produktion, mit Umsicht und Weitsicht. Die sollten sich keiner entgehen lassen. Und vor allem nicht die Mönchengladbacher selbst, die wohl aus Angst vor Neuer Musik bei der Premiere zurück geschreckt sind. Das sollten sie an den folgenden Aufführungstagen wettmachen! Das ist keine Neue Musik! Das ist eine gut durchhörbare und spannende Inszenierung…

Mieczysław Weinbergs „Die Passagierin“ am Musiktheater im Revier! Eine eindrückliche Konfrontation mit dem Auschwitz-Horror – ohne Baracken!

Lisa und Marta, Hanna Sturlodottir und Ilia Papandreou. Bild: Forster

Lisa und Marta, Hannah Sturlodottir und Ilia Papandreou. Bild: Forster


Der wahre Horror steckt nämlich in den Köpfen! Und kann die Normalität überlagern, sie zersetzen, dann, wenn Erinnerungen wach werden. Darauf setzen Regisseurin Gabriele Rech und ihr Bühnenbildner Dirk Becker in ihrer Neu-Produktion in Gelsenkirchen.
Von Sabine Weber

Weitere Termine: 5. Februar 18 Uhr, 18. Februar, 2. März, 17. März 19.30 Uhr; 2. April, 23. April, 18 Uhr
Weitere Infos unter: https://musiktheater-im-revier.de/#!/de/performance/2016-17/die-passagierin

(Gelsenkirchen, 28. Januar 2017) Kann man überhaupt monströse Barbarei für die Bühne bebildern? Wirkt das opernhaft-manieristische Tun in diesem Grauen nicht zwangsläufig verharmlosend? Bei der Frankfurter Inszenierung 2015 haben die in Auschwitz spielenden Barackenszenen irgendwie schon ein ungutes Gefühl hinterlassen. Fast anderthalb Jahre später in Gelsenkirchen gibt es keinen Stacheldraht oder Suchscheinwerfer. Was Mieczysław Weinberg laut Szenenbeschreibung in seiner 1968 vollendeten Oper Die Passagierin in mehreren Bildern tatsächlich in den Lagerbaracken von Auschwitz gespielt wissen will, verlegt Regisseurin Gabriele Rech in die Möglichkeit der Wahrnehmung. Der Holocaust bricht durch die Vorstellung in die Normalität ein! Lisa, eine ehemalige Oberaufseherin aus Auschwitz, trifft während der Überfahrt auf einem Hochseeschiff auf die tot geglaubte KZ-Insassin Marta. Und personifiziert dringen ihre Erinnerungen in die Schiffslounge ein. In Gelsenkirchen ein Einheitsbühnenbild im 50er Jahre Ambiente: zwei hintereinander stehende aber gegeneinander verrutschte Rahmen-Perspektiven. Rechts die Bar mit Bedienung. Tische mit Stühlen. Hinten ein Podium mit Flügel für die Tanzband. Die Wohlstandsdame Lisa, die sich mit ihrem Diplomaten-Mann Walter im weißen Dinnerjacket wie wie auf einer zweiten Hochzeitsreise fühlt, sieht Marta. Marta sitzt an einem Tisch. Und während Walter um Lisa herum-swingt und galant um ein Tänzchen bittet, trifft ihr Blick auf Martas Blick. Ein ostentativer Ton hämmert aus dem Orchestergraben. Alles steht still und kehrt sich um. Ein ganz starker Moment an diesem Abend. Der noch viele starke Momente bereit hält. Der schwarze Vorhang schließt sich und Zahlen erscheinen. Die berüchtigten fünfstelligen Tätowierungsnummern werden auch über Lautsprecher durchgegeben. Vorhang hoch: und KZ-Insassinnen haben die Lounge übernommen. Sie werden drangsaliert von SS-Schergen. Lisas Mann blättert in einer Zeitung an der Bar. Er sieht und hört ja nicht, was Lisa sieht und hört. Marta beruhigt Neuankömmlinge. „Wie schmerzhaft ist es Mensch zu sein!“, singt eine Französin. „… in dieser Hölle!“ antwortet der Chor. Und immer wieder „die schwarze Todeswand…“ Es wird eine Kerze angezündet. Eine Russin hat im Kontor gestohlen und beschwört ihren Gott – auf russisch – und bittet, um einen Rest von Menschlichkeit. Die Frauenbaracken-Szene ist allerdings schon sehr lang. Und verlangt auch einiges dem Publikum ab. Der Nacken wird mit Blick auf die Übertitel etwas steif. In dem kammerspielartigen Psychogramm verzichtet Rech auf Szenenzauber, beziehungsweise Horror. Rech lässt die Menschen ganz natürlich spielen, agieren und singen, vermeidet aber allzu viel Menschelndes, das das Grauen verniedlichen könnte. Genial, wie Lisa plötzlich in ihre Vorstellung eindringt,mitmacht und sie real

Die personifizierte NS-Erinnerung holt Lisa ein. Tobias Glagau, Oliver Eigner, Hanna Stulurdottir, Ensemble. Foto: Forster

Die personifizierte NS-Erinnerung holt Lisa ein. Tobias Glagau, Oliver Eigner, Hanna Stulurdottir, Ensemble. Foto: Forster

werden lässt. Erst noch im Kleid, später in Uniform. Alles fließt, changiert und überlagert sich. So ist das mit Erinnerungen. Das gibt auch die Musik vor. Es gibt Collage-ähnliche Strecken, in denen sich verschieden tonale Schichten überlagern. Wie bei Charles Ives. Die swingig-jazzigen Passagen aus den 50er Jahren wechseln über in den Kirchenton, wenn Bronka betet. Der groteske Walzer nach der Pause ist Dmitri Schostakowitschs Jazz-Walzer abgelauscht. Schostakowitsch ist ein großer Förderer Weinbergs gewesen. Oder die innigen kammermusikalischen Streichquartettmomente, die Marta begleiten. Mindestens vier Mal bricht das Trommelfeuer der Pauken ein und setzt ein Ausrufungszeichen. Die Neue Philharmonie Westfahlen unter Valtteri Rauhalammi ist absolut präsent und wunderbar transparent. Wenn die Streicher in ihren eigenartig an Benjamin Brittens Oper Peter Grimes erinnernden aufsteigenden großen Terzenketten im unisono mal ein wenig auseinander geraten, klingt es wie beabsichtigt. Hanna Dora Sturludóttir als Lisa und Ilia Papandreou als Marta mit ihrem großen Monolog am Schluss und dem Appell, Nicht-zu-Vergeben, beziehungsweise Nicht-zu-Vergessen sind optisch wie stimmlich perfekte Antipoden. Kor-Jan Dusseljee als Walter scharwenzelt wunderbar leichtfüßig und im Tenor-Ton Dominanz-spielend herum. Dass Bariton Piotr Prochera als Häftling Tadeusz tatsächlich Bachs Chaconne auf der Bühne geigt, bevor er von den SS-Offizieren zusammen geschlagen wird, das wird man sicherlich nicht so schnell vergessen. Ein Lob an die Lagerfrauen und auch an den Chor in dieser in jeder Hinsicht lohnenden zweiten oder dritten szenischen Produktion in Deutschland. Natürlich war wie in Frankfurt auch Zofia Posmysz da, auf deren Hörspiel das Libretto dieser Oper zurück geht. Die hochbetagte inzwischen über 90jährige ist noch eine der wenigen Zeitzeuginnen, die die Hölle in Auschwitz erlebt haben. Diese Auschwitz-Oper sollte jeder gesehen haben. Das Musiktheater im Revier bietet auch ein Rahmenprogramm an.